Live-TV im Kuhstall: Wie der Lernort Bauernhof auf Sendung geht

Neue Formen außerschulischer Bildungsarbeit in der Landwirtschaft

Lehrkräfte und andere Experten der landwirtschaftlichen Bildungsarbeit staunten nicht schlecht, als sich Milchbäuerin Sissy Beck in einer Fortbildungsveranstaltung vom Bundesforum Lernort Bauernhof zu Wort meldete. Die Bäuerin stand im Stall, hatte dort ihren Laptop aufgebaut und ging „auf Sendung“. Ihr Thema: Kindern zeigen, wie viel Futter eine Milchkuh frisst, um einen Liter Milch zu produzieren.

In Pandemiezeiten sind Lernerlebnisse auf Bauernhöfen nicht möglich. Doch Bäuerinnen wie Sissy Beck aus Baden-Württemberg sind erfinderisch. Wenn Schulkinder nicht auf ihren Betrieb kommen können, organisiert die Milchbäuerin einen Online-Schulunterricht in ihrem Kuhstall in Fichtenau. Wie das aussehen kann, wurde mehreren Dutzend Teilnehmern aus der Bildungsarbeit bei einer Online-Fortbildung vom Bundesforum Lernort Bauernhof gezeigt, dessen Arbeit der i.m.a e.V. unterstützt: Laptop im Kuhstall aufgebaut, die Kamera zwischen den Rindern in Position gebracht, mittendrin Sissy Beck und Tochter Marie. Während die Landwirtin erzählt, wie sie Schulkindern erläutert, was Kühe fressen, stellt das Mädchen eine Futterration zusammen; zehn leere Eimer symbolisieren, was ein Tier täglich trinkt – und drei Eimer die Menge Milch, die eine Kuh produziert.

„Ich möchte veranschaulichen, wie viel Futter und Arbeit erforderlich sind, um einen Liter Milch zu erzeugen“, sagt Sissy Beck. Für sie ist diese Form der Bildungsarbeit ein Hobby neben den Tätigkeiten auf dem Bauernhof. Weil sie die fehlende Wertschätzung von Lebensmitteln bei vielen Verbrauchern vermisse, will Sissy Beck insbesondere Kindern bewusst machen, wie Nahrungsmittel entstehen.

Für Andrea Bleher, Vorsitzende vom Bundesforum Lernort Bauernhof und Organisatorin der Fortbildung, ist die Bäuerin ein Beispiel moderner landwirtschaftlicher Kommunikationsarbeit: „Wir zeigen, wie Bildungsarbeit auch unter Pandemie-Bedingungen funktionieren kann.“ Neben der Live-Übertragung aus dem Kuhstall wurden bei der Online-Fortbildung weitere Beispiele vorgestellt; u.a. virtuelle Hofführungen vom Ökomarkt Hamburg und „Boden erleben“ auf dem Örkhof nahe Essen.

„Seit Besuche von Schulklassen auf Bauernhöfen wegen der Corona-Pandemie nicht möglich sind, suchen sowohl Betriebe als auch Lehrkräfte nach alternativen Wegen des Austauschs“, erläutert Andrea Bleher. Und Hubert Koll von Stadt und Land in NRW verweist auf den „Jugendreport Natur“: „Wir müssen Kindern und Jugendlichen wieder ermöglichen, rauszukommen in die Natur, auf den Hof.“ Die Akteure seien sich bewusst, dass auch noch so interessante TV-Übertragungen aus einem Stall den Bauernhofbesuch nicht ersetzen können. „Gerade Kinder lernen leichter, wenn sie etwas live erleben können, wenn sie Tiere anfassen und auch mal auf dem Bauernhof helfen können“, so Bleher. Darum hoffe man darauf, dass bald wieder Schulklassen die vielfältigen Angebote auf den Betrieben nutzen können, die von der Initiative Lernort Bauernhof bundesweit angeboten werden.


 

 

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